„Mama.“ Luca hatte die Stirn angestrengt in Falten gelegt und kam energisch auf mich zu. „Jetzt hör mal genau hin.“ Belehrend hielt mein sechsjähriger Sohn seinen kleinen Zeigefinger in die Höhe und holte tief Luft. „Mama“, wiederholte er und nahm mich mit seinen tiefblauen Augen ins Visier, um sich meiner uneingeschränkten Aufmerksamkeit sicher zu sein. „Der Mond ist ein Himmelskörper, der die Erde als Trabant umkreist.“

„Ah!“, nickte ich und verkniff mir ein Grinsen. „Ist der also auch mit dem Auto unterwegs?“

„Ach, Mama“, stöhnte Luca. Er tat, als hole er mit dem Buch zum Schlag aus. „Das ist doch ein Satelli-hit!“ Er kniff die Augen zusammen und schüttelte verständnislos den Kopf. „Ein Satellit. Verstehst du?“ 

Ich grinste bemüht unauffällig.

Luca warf mir diesen Stell-dich-nicht-so-blöd-an-Blick zu und fuhr unbeirrt fort: „Seine mittlere Entfernung von der Erde ist dreihundertvierundachtzigtausend… vierhundertund…“ Er legte die Hand in den Nacken und dachte angestrengt nach. „…vierhundertundfünf Kilometer. Der Mond hat einen Durchmesser von… Moment mal…  von dreitausendvierhundertundachtzig Kilometern. Stell dir das doch mal vor, Mama! Und er rotiert in siebenundzwanzig Komma drei zwei Tagen um seine Achse“, kam es schließlich fließend aus seinem Mund. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand zeichnete er weit ausholend imaginäre Kreise in die Luft. 

Ich griff schützend nach meiner Kaffeetasse, die sich bedrohlich nahe in der Umlaufbahn des Mondes befand. 

„In derselben Zeit bewegt er sich um die Erde. Daher kehrt er der Erde stets die gleiche Seite zu…“

„Kleiner Klugscheißer“, murmelte ich – keinesfalls ohne vor Stolz erfülltem Herz – und nahm am Küchentisch Platz.

Luca hatte das Buch aufgeschlagen und schlenderte damit in den Nebenraum. Seinen Blick konzentriert auf das geschriebene Wort gerichtet, ließ er sich langsam auf das Sofa sinken. „Der Mond hat keine Atmosphäre“, dozierte er unverwandt weiter. „Die Oberfläche ist mit einer nur wenige Zentimeter dicken Staubschicht überlagert und besteht aus meist dunklem, ziemlich festem Gestein.“ 

Ich sah ihm nach und seufzte. „Das Kind macht mich noch wahnsinnig.“ 

Ganz ernst durfte man diese Aussage nicht nehmen. 

Ich strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr und klemmte meine Finger in den Henkel der Tasse. Gespielt mitleidheischend blickte ich auf.

Alf schenkte mir ein warmes Lächeln. „Schätzchen“, summte er und tätschelte meine Hand. „Du kannst dich wirklich glücklich schätzen, einen so klugen Jungen zu haben.“ 

„Alfi. Luca ist sechs Jahre. Hörst du? Sechs!“

Er tat es mit einem Achselzucken ab. „Sechseinhalb“, korrigierte er. „Und er kommt in zwei Wochen in die Schule“.

Ich schob meinen Kaffee zur Seite und beugte mich über den Küchentisch. Beschwörend sah ich meinen besten Freund an. „Er kommt“, betonte ich, „erst in die Schule. Deswegen braucht er ja auch jetzt noch nicht lesen können. Dort lernt man so was nämlich.“ Ich blickte mich nach Luca um und fixierte die Fachliteratur auf seinem Schoß. „Und schon gar nicht solche… solche…“. Hilflos wedelte ich mit den Händen in der Luft. „Warum liest er denn nicht einfach noch Benjamin Blümchen?“

„Schätzchen.“ Alf ergriff meine Handgelenke und führte sie sachte auf den Tisch zurück. „Das ist ein Buch über den Mond und die Sonne und Planeten. Ist doch okay“, erklärte er beschwichtigend. „Viele kleine Jungs wollen Astronaut werden.“ Wieder zuckte er mit den Schultern. „Er bereitet sich eben schon früh darauf vor.“

„Pfff“, seufzte ich und starrte in das Innere meiner Tasse. 

„Wäre es dir lieber, er würde den Hustler lesen?“, lächelte Alf süffisant. „Vielleicht noch in englischer Originalausgabe?“

„Sind wir heute wieder witzig?“, schnarrte ich, ohne aufzublicken. 

„Komm, Schätzchen. Freu dich doch einfach, dass Luca ein so schlaues Kerlchen ist.“

Ich stand auf, um mir Kaffee nachzuschenken. „Ja, klar. Und in nicht mal zehn Jahren sagt er mir dann, wie dumm ich bin.“

„Du weißt genau, dass er das nie tun würde, Tess-Schätzchen.“ Alf sah mich vorwurfsvoll an. Dann jedoch verzog sich sein Mund zu einem frechen Grinsen. „Braucht er schließlich auch nicht. Denn das tut deine Mutter ja schon.“

Unwillkürlich stieß ich ein verächtliches Lachen aus. „Du auch noch?“

„Schätzchen, ich doch nicht“, ereiferte er sich und hob abwehrend die Hände.

Ich schwenkte die Kanne vor seiner Nase. „Kaffee?“

Alf zögerte einige Sekunden und verdrehte die Augen, als er verstand. „Kaffee? Kaffee. Ach, so. Ja. Bitte“, stammelte er und hielt mir seine Tasse entgegen.

Ich schenkte ihm nach, stellte die Kanne zurück und lehnte mich an den Küchenschrank. Mit über der Brust verschränkten Armen beobachtete ich meinen Sohn. Er saß noch immer ganz vertieft über seinem Planetenbuch. 

Luca war ein außergewöhnlich hübsches Kind und legte nicht weniger außergewöhnlich großen Wert auf seine Erscheinung. Schon mit vier Jahren traf er seine Kleiderwahl selbst. Ich kapitulierte, als er Mitte Dezember darauf bestand, seine coolen Skaterhosen zu tragen, statt der von mir vorgeschlagenen Thermojeans. Sein linkes Ohr zierte eine kleine Kreole. Es war sein Wunsch zum fünften Geburtstag. Jeden ersten Samstag im Monat suchten wir Alfs Frisörsalon auf und Luca legte ihm immer neue, mit Buntstift gezeichnete Haarkreationen vor, die mein bester Freund mit Feuereifer umsetzte. Derzeit trug Luca sein haselnussbraunes Haar an den Schläfen auf einen Millimeter rasiert. Das Deckhaar war länger und akribisch mit Gel in Form gebracht, sodass die blondierten Spitzen wie ein Hahnenkamm nach oben standen. 

„Du schaust aus wie ein kleiner Punker“, frotzelte ich. 

Doch Luca ließ sich nicht beirren. „Das ist trendy, Mama“, grinste er nur.

Ich ließ meinen Sohn gewähren. Er war für sein Alter nicht nur sehr selbstbewusst. Auf seinen kleinen Schultern trug er auch schon jede Menge Verantwortung. So kümmerte er sich seit über einem Jahr ganz allein hingebungsvoll um sein Meerschweinchen, Einsteins Theorie, und konnte sich bereits mit fünf ein kleines Mittagessen zubereiten, ohne die Küche in Brand zu setzen. 

Liebevoll sah ich meinen Sohn an. Er war groß und schlank und hatte dichte, gerade Brauen, die tief über seinen Augen lagen. Die für ein Kind verhältnismäßig aristokratische Nase ergab mit den leicht hohen Wangenknochen ein anmutiges Gesamtbild. Das markante Kinn verlor angesichts seiner vollen Unterlippe an Strenge. Und ich liebte seine Augen, wie sie ständig geheimnisvoll funkelten. Sie waren von so intensivem, dunklem Blau wie Lapislazuli. Man glaubte, darin untergehen zu können, ohne zu ertrinken.

„Er kommt ganz nach seinem Vater“, seufzte ich gedankenverloren.

„Tess-Schätzchen. Du hast doch gar keine Ahnung, wer sein Vater ist. Also woher willst du das wissen?“

Ich senkte die Lider und drehte den Kopf langsam in seine Richtung. 

„Sieh ihn dir doch an“, flüsterte ich Alf zu. „Er hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit mir. Also muss er zwangsläufig aussehen wie sein Vater.“

Alf warf einen Blick auf Luca und nickte kurz. „Tut es dir leid?“

„Leid?“, wiederholte ich überrascht und nahm wieder am Küchentisch Platz. „Luca ist das Beste, das mir in meinem Leben je passiert ist.“

Alf griff nach meiner Hand und drückte sie sanft. 

„Aber mal ganz ehrlich, Schätzchen. Würdest du nicht gerne wissen, wer sein Vater ist?“

Ich schnaubte.

„Schon gut, schon gut“, ereiferte er sich und verstärkte den Druck. „Das Thema haben wir schon durch. Ich weiß.“ Er grinste und kniff die Augen zusammen, als sich ein Sonnenstrahl seinen Weg durch die Wolken direkt auf sein Gesicht bahnte. „Außerdem sind die Gerüchte, wer der Vater sein könnte, immer wieder herzerfrischend.“

„Vor allem die vom Bundeskanzler“, bespöttelte ich. „Dabei hat Luca sich selbst noch nie Gedanken über seinen Vater gemacht.“

„Oder es einfach noch nicht ausgesprochen?“ Alf sah mich an und blickte dann zu Luca hinüber. Dieser war noch immer völlig vertieft in die kosmische Atmosphäre und bekam von unserer Unterhaltung nichts mit. Vermutlich.

Ich schloss die Augen, atmete tief durch und griff nach der Schachtel Zigaretten, die in einer bunten Schüssel auf der Anrichte lag. Luca hatte sie in seinem letzten Kindergartenjahr gefertigt. Die Tonschüssel natürlich.

„Mama, du weißt doch, dass der Rauch für die Umwelt und für dich schädlich ist. Da kannst du sterben von!“ Luca hatte sich unbemerkt in die Küche geschlichen und schmiegte sich zärtlich an meine Schultern.

„Ich weiß, mein Spatz. Und du weißt, wie schädlich deine dauernden Kommentare deswegen sind, oder?“, entgegnete ich schmollend und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Deine Mama ist ein hoffnungsloser Fall, Luca-Schätzchen.“

Sie warfen sich zusammenstimmende Blicke zu.

„Ich geh dann noch mal ein bisschen auf den Bolzplatz. Kicken. Ja?“

„In Ordnung“, sagte ich.

Er hauchte mir einen Kuss auf die Wange und schnappte sich beim Hinausgehen seinen schwarzen Lederfußball. „Bis später, Alfi.“

„Hast du ihn schon beim FSV angemeldet?“ Alf legte sein Augenmerk auf den bekritzelten Notizblock, der neben mir lag.

Ich zündete mir eine Zigarette an, blies bedächtig den Rauch aus und griff nach meinem Kugelschreiber. Langsam zog ich das Papier herbei und studierte meine Notizen. „Ummeldung Grundschule“, las ich vor. „Hat noch prima geklappt. So kurzfristig, wie es war.“ Zufrieden hakte ich den Text ab.

„Konnte ja keiner wissen, dass der Laden so schnell dicht macht“, bemerkte er. 

„Na ja“, erwiderte ich gereizt. „Bei der Geschäftsführung.“ Ich sah kurz von meinen Notizen auf. „Oben links.“

Alf suchte nach den dänischen Butterkeksen und hatte bereits sämtliche Schränke geöffnet und enttäuscht wieder geschlossen. Selbst für ihn war es nicht ganz einfach, sich in meinem mir angeborenen Chaos zurecht zu finden. „Aha. Ja, da sind sie ja.“ Er drehte sich mit einem feierlichen Grinsen zu mir um, während in Windeseile ein Keks nach dem anderen in seinem Mund verschwand. „Kann dir aber jetzt auch egal sein“, nuschelte er. „Hast ja wieder einen Job. Und was für einen!“

Mein Gesicht erhellte sich nur schwach bei dem Gedanken, in der übernächsten Woche meine neue Stelle als Sekretärin des Betriebs meines Schwagers anzutreten. Léon führte seit über zwölf Jahren ein gutgehendes Architekturbüro und hatte vor drei Monaten eine Außenstelle eingerichtet. Er selbst hielt sich die meiste Zeit in München, dem Hauptsitz, auf und besaß dort ein kleines Appartement. Er und meine Schwester Sarah bewohnten außerdem ein stattliches Häuschen mit ansehnlichem Grundstück in Hennelin, unserem Heimatort. Mit ihren beiden Kindern Enya und Miko gaben sie genau das Bild ab, welches unsere Eltern unter der Rubrik Lebensplanung erfolgreich abgeschlossenverbuchten. Ich hingegen war bei jedem Zusammentreffen den verständnislosen Vorwürfen meiner Mutter ausgesetzt und überstand diese Begegnungen nur dank der stillen Unterstützung meiner drei Jahre älteren Schwester relativ katastrophenfrei.

„Alfi“, bremste ich seine Euphorie. „Erstens bin ich nichts weiter als eine stinknormale Sekretärin…“

„…die dann aber dreihundert Euro mehr im Monat auf ihrem Konto hat als bisher. Außerdem solltest du deine Tätigkeit nicht so unterbewerten.“

„Und zweitens hätte ich diesen Job…“

„…auch bekommen, wenn du nicht seine Schwägerin wärst“, beharrte Alf und schob mir einen dänischen Butterkeks zwischen die Zähne.

Widerspruch zwecklos. Dennoch behielt ich meinen kritischen Gesichtsausdruck, während ich mich erneut den Notizen zuwandte. 

Alf lächelte selbstzufrieden. „Umzugswagen?“

„Ist bestellt und kann morgen ab eins abgeholt werden.“

„Wohnung gekündigt?“

„Jepp.“

„Nachsendeantrag bei der Post gestellt?“

„Erledigt.“ 

Ich hakte einen Punkt nach dem anderen ab.

„Einwohnermeldeamt?“

„Alfi…“ Ich ließ den Kugelschreiber sinken und griff nach seinem Arm. „Luca und ich werden nur vorübergehend bei dir wohnen. Bis wir eine bezahlbare Wohnung gefunden haben. So war es abgemacht. Wir…“

„Jajaja“, tat er meine Aussage mit einer Handbewegung ab. „Zieht ihr nur erst mal ein und dann werdet ihr sehen, wie schön es bei dem guten, alten Alfi ist.“ Alfs Blick verdunkelte sich. „Ist doch sowieso viel zu groß für mich… Allein…“ Theatralisch warf er seinen Kopf zur Seite. Seine grünen Augen glänzten und begannen sich zu röten. Den Bruchteil einer Sekunde später schniefte er.

Ich stand auf und riss ein Blatt Küchenpapier ab. Als dem Schniefen ein leiser Schluchzer folgte, reichte ich ihm gleich die ganze Rolle.

„Armando hat eine solche Leere hinterlassen… In meinem Haus… In meinem Herzen… In meinem Leben…“ Inzwischen wurde er von Weinkrämpfen geschüttelt.

Ich kannte Alf nun schon mehr als dreißig Jahre. Dennoch überrumpelten mich seine plötzlichen Gefühlsausbrüche jedes Mal aufs Neue. Ich ging neben seinem Stuhl in die Hocke, umfasste seine nicht vorhandene Taille und lehnte meinen Kopf gegen seinen Bauch, der so rund und prall war, als hätte man einen Medizinball implantiert. 

„Ich weiß, Alfi. Ich weiß. Wird ja alles wieder gut“, sprach ich leise auf ihn ein.

„Eine solche Leere“, bäumte er sich ein letzten Mal mit überschnappender Stimme auf, war aber innerhalb weniger Minuten schneller beruhigt als ein Säugling beim Zahnen.

„Wieder gut?“

„Wieder gut“, nickte er zaghaft und prustete kräftig in das siebte Blatt Küchenpapier.

Alf war eine emotionale Zeitbombe. Als wir mit zwölf Jahren gemeinsam Bambi auf Video gesehen hatten, brauchte ich annähernd zwanzig Minuten, um ihm glaubhaft zu versichern, dass Bambis Mama ein von Walt Disney erdachtes, nicht wirklich lebendes Reh war und konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, alle im örtlichen Telefonbuch registrierten Träger des Namens Jäger anzurufen, um diese aufs Übelste zu beschimpfen. Bis zum heutigen Zeitpunkt weigerte ich mich standhaft, mit ihm Titanic anzuschauen – um somit einige Damen und Herren Eisberg vor überraschendem Telefonterror zu bewahren.

„Hach, ich freu mich ja schon so auf euch“, jubelte Alf und untermauerte seine Aussage mit aufgeregtem Händeklatschen. Seine annähernd minutiös wechselnden Gefühlsausbrüchen hatten in der Schule so manchen Lehrer zur Verzweiflung gebracht.

Ein schwacher Lichtstreifen hatte sich durch das Fenster geschlichen und breitete ein Stück Spätsommer auf dem Küchentisch aus.

Versonnen stierte ich ins Leere. „Wir freuen uns auch, Alfi.“

„Wird es dir fehlen?“

„Was?“

Er warf einen Blick aus dem Küchenfenster. „Das Großstadtleben? Die Wohnung?“

„Der Lärm hier?“, fragte ich zynisch. „Der Gestank überall in den Straßen?“ Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Klar. Er wird mir fehlen, der Balkon und der Garten – den ich nie hatte. Und vor allem die Angst wird mir fehlen, wenn Luca fast zwanzig Minuten mit dem Rad unterwegs ist, nur um einen Bolzplatz zu finden, auf dem er Fußball spielen kann, ohne dass irgendein Hausmeister ihn zum Teufel jagt.“

Alf zwinkerte mir verständnisvoll zu. „Und die Schule ist auch gerade mal nur zwei Straßen weiter. Ist das nicht herrlich?“, strahlte er.

Gedankenverloren überprüfte ich den Sitz meines Bauchnabelpiercings. „Allerdings… Mit der Anonymität ist’s dann auch vorbei.“

„Früher war dir das egal.“ Alf sah mich beleidigt an. Fast, als hätte ich ihn persönlich angegriffen.

„Früher hatte ich auch noch kein Kind, dessen Vater ich nicht kenne“, gab ich schnippisch zurück. „Und ich hatte achtzehn Jahre lang einen Job in Frankfurt. Das schindete Eindruck.“

„Und…“

„Und jetzt“, fiel ich ihm ins Wort, „arbeite ich als Tippse in der Zweigstelle meines Schwagers, weil meine ehemals so angesehen Firma Pleite gegangen ist. Und ich ziehe bei meinem schwulen Kumpel ein, weil ich mir keine eigene Wohnung leisten kann. Große Leistung. Ganz große Leistung.“ Ich spürte, wie mein Gesicht zu prickeln begann.

„Nun übertreib aber nicht gleich mal so“, fuhr Alf mich an. Er war aufgestanden und baute sich vor mir auf. 

Man konnte fast sagen, Alf war mindestens genauso breit wie hoch. Er verteilte stattliche hundertzehn Kilo Gewicht auf einen Meter zweiundsechzig. In seinem dunkelbraunen Cordzweiteiler sah er aus wie ein überdimensionaler Lebkuchen. Die grünen Augen blickten keck in die Welt und er hatte Wimpern, so lang, dass ihn jede Kuh im Allgäu darum beneidete. Die prallen Pausbacken nahmen bei der geringsten Aufregung oder Anstrengung eine zartrosa Färbung an. 

„Hast du gehört?“, hakte Alf energisch nach und ich sah ein paar Schweißperlen auf seinem fast kahlen Kopf schimmern. „Tess? Teresa!“

„Mein Gott, ja!“, knurrte ich und ließ beide Handflächen auf den Tisch schnellen.

„Natürlich hast du noch immer keinen Vater für Luca. Aber“, er streckte seinen fleischigen Zeigefinger in die Höhe, „so sensationell war die Firma, in der du gearbeitet hast, nun auch wieder nicht. Und du wolltest eh aus dieser miefigen Großstadt raus, wenn Luca in die Schule kommt.“ Seine Stimme überschlug sich fast. Dazu gehörte allerdings nicht viel. Alf klang ein bisschen wie Daniel Küblböck. „Und der Grund, weshalb ihr vorerst bei mir wohnt, ist, dass…“ Alf verstummte und runzelte die Stirn.

„Was?“

„Tess-Schätzchen. Es wäre nett, wenn du in deinem üblichen Sprachgebrauch vielleicht das Wort ‚schwul’ durch ‚homosexuell’ ersetzen könntest?“ 

„Aber du bist doch schwul.“

„Homosexuell, Schätzchen.“

Ich rümpfte die Nase. „Es wäre auch nett, wenn du bei ‚Tess’ bleiben könntest?“

Einen Augenblick sahen wir uns ernst an. Als Alf jedoch zaghaft auf seine Unterlippe biss und sein Kinn zu vibrieren begann, brachen wir in schallendes Gelächter aus.

„Tereeesaaa!“, quäkte Alf.

„Schwuler Kumpel“, prustete ich.

„Das heißt ‚homosexuell’“, merkte Luca an. „Und das ist, wenn Männer Männer lieben.“

Ich fuhr zusammen. „Wann bist du denn nach Hause gekommen, mein Spatz?“

„Als du immer noch auf der Suche nach einem Vater für mich warst und einen blöden Job hattest.“

Alf horchte besorgt auf.

„Spatz, ich bin nicht auf der Suche nach einem Vater für dich…“

Luca legte seinen matschverschmierten Fußball auf den Küchentisch und kletterte auf meinen Schoß. „Weiß ich doch, Mama. Schließlich haben wir ja uns, oder?“

Leseprobe

Zwei Kinderteller und eine Henkersmahlzeit zum Frühstück.

Das Manuskript aus dem Jahr 2005 wurde 2021 ohne bedeutende Änderungen überarbeitet.

Tess Dorn hat einen wundervollen Sohn, dessen Vater sie nicht kennt, und nächtlich wiederkehrende Träume von einem Henker. 

Nach sechs Jahren zieht Tess von der anonymen Großstadt in ihre alte Heimat aufs Land zurück. Hier sorgt nicht nur der blutjunge Paul für Turbulenzen in ihrem Leben. Zu allem Überfluss muss sie sich auch mit einem äußerst unsympathischen Chef herumschlagen. Ganz zu schweigen von dem Gefühlschaos, das ihr Schwager in ihr hervorruft und welches es täglich zu ordnen gilt. 

Wie gut, dass Tess sich da auf ihren besten Freund, den homosexuellen Alf, verlassen kann.

Denn das Leben ist oft ganz anders als es scheint…

DORNRESCHEN

Beispielhaft unmotiviert saß ich zwischen unzähligen Umzugskartons und fischte träge eine Zigarette aus der bereits arg mitgenommenen Schachtel. Ich zündete sie an, inhalierte tief den Rauch und stieß ihn in kleinen Wolken wieder aus, während mein Blick gedankenverloren durch das Wohnzimmerfenster fiel. Ich hatte es unmittelbar nach dem Aufstehen geöffnet, um die frische, kühle Morgenluft, der noch ein Hauch von Ruhe und Besinnlichkeit der vergangenen Nacht anhaftete, ins Haus zu lassen. In weniger als einer Stunde würde die Sonne wieder alles daransetzen, jedes Zimmer bis ins Unerträgliche aufzuheizen.

Ich holte mit weit aufgerissenem Mund Luft, schloss ihn wieder, während ich gleichzeitig ausatmete, und unterdrückte einen Brummlaut. Gähnen ist ein stiller Schrei nach Kaffee. Bevor ich hier also auch nur einen Finger krumm machen konnte, brauchte ich einen Kaffee.

Die Maschine befand sich definitiv in einem der Kartons. Allerdings war ich zu müde und mir meines heutigen Arbeitspensums zu bewusst, als dass ich jetzt mit der Suche danach beginnen würde oder sollte. Der Papierstapel auf dem Küchentisch erinnerte mich schließlich an die Gratisprobe Cappuccino in einer Postwurfsendung.

Während ich auf das stärker werdende Gurgeln des Wasserkochers wartete, schweifte mein Blick abwesend über das Interieur. Ich war dankbar für den relativ zeitgemäßen Geschmack meiner Schwiegermutter. Zwar hatte das Haus nach ihrem Tod vor sechs Monaten eine intensive Reinigung nötig, dafür blieben größere Reparaturarbeiten aus. Erst vor drei Jahren wurde die Küche renoviert und das gesamte Mobiliar erneuert. Auch das Wohnzimmer war ansehnlich. Momentan zwar noch eingeschränkt, da sich dort unser kompletter Hamburger Hausstand stapelte. Aber das sollte sich schließlich heute ändern. Daher musste ich allmählich in die Gänge kommen.

Erfolglos sah ich mich nach einem Aschenbecher um. Die vertrockneten Orchideen auf der Fensterbank sahen so traurig aus, dass ich es nicht übers Herz brachte, die heiße Glut in das Substrat aus Pinienrinde, Torf und Perlit zu rammen und ihnen dadurch womöglich den Todesstoß zu verpassen. Also löschte ich die Glut unter fließendem Wasser und kickte den Stummel zielsicher durchs Küchenfenster auf den Komposthaufen.

Wie heimelig hier alles war. Ganz anders als in der betriebsamen Hansestadt Hamburg, in der ich die letzten siebzehn Jahre lebte. Die Vögel trällerten aus voller Kehle, kaum ein Auto unterbrach den Gesang. Stress und Hektik schienen hier alle Tore verschlossen zu sein. Sanft wogten sich die Blätter des Kirschbaums im Wind und schickten mir eine kühle Brise. Ich war wieder zu Hause. Oder würde es zumindest irgendwann sein.

Ich rührte meinen Cappuccino auf und warf, während er abkühlte, einen Blick in den Vorratsraum. Ernas Sinn für Ordnung und Organisation war vorbildlich. Und so gab es nichts, das meine Schwiegermutter nicht nur nicht im Haus gehabt hätte. Alles stand auch an seinem vorgesehenen Platz. Herzlichen Dank für Lappen, Eimer, Schrubber und eine ganze Armee Putzmittel. Fehlte nur noch Motivation.

Diese wollte sich auch dann nicht einstellen, als mein Handy klingelte.

„Schon ausgepackt?“, drängte sich Davids Frage nervig in mein Ohr. Für einen körperlich so beeindruckenden Mann war seine Stimme ungewöhnlich hoch. 

„Natürlich“, blaffte ich. „Rasen habe ich auch schon gemäht.“ Für wen hielt er mich denn? Schneewittchen und die sieben Zwerge?

Am anderen Ende der Leitung war außer einem schwachen Schnauben nichts zu hören.

„Ich bin doch schon dabei“, lenkte ich rasch ein. „Aber es ist…“

„Ich wollte nur sagen, dass der Klempner vorbeikommt“, schnitt er mir harsch das Wort ab. „Heute Vormittag noch.“

Der scharfe Ton machte klar, dass ich wenigstens im Badezimmer für Ordnung sorgen sollte, wenn ich sonst schon nichts auf die Reihe bekam.

„Hmhm. Danke.“

„Ich weiß nicht, wann ich heute nach Hause komme.“Dachte ich mir, dachte ich mir und antwortete mit einem unverfänglichen „Okay“.

Leseprobe

Deine Zukunft liegt im Geist deiner Vergangenheit.

Das Manuskript aus dem Jahr 2004 wurde 2021 ohne bedeutende Änderungen überarbeitet.

Nach achtzehn Jahren kehren die naive Marie und ihr Mann David mit dem inzwischen fast erwachsenen Sohn Phil aus ihrem Exil in Hamburg, in das man sie nach Bekanntwerden ihrer frühen Schwangerschaft geschickt hatte, in ihre alte Heimat zurück. Während David in der Hansestadt Karriere machte, hütete Marie Kind und Haus und verlor nicht nur den Kontakt zu ihren alten Freunden, sondern auch dem Rest der Welt.

Ein Klassentreffen und die damit verbundene Konfrontation mit ihrer Vergangenheit und den Furchtbaren Vier bringen Maries Gefühle in Aufruhr, denn sie erinnern sie an den Menschen, der sie einmal war. 

Marie flüchtet sich in die Anonymität eines Chatrooms, wo BigDaddy ihr Vertrauen gewinnt. Schritt für Schritt gewinnt sie ihr Selbstvertrauen zurück. Und Schritt für Schritt kommt sie BigDaddy näher. Näher als sie dachte…

FUNKENMARIE

„Guten Morgen, Frau Brenner.“ Mit einem Lächeln, das mir die Natur eigens für diesen Menschen zugedacht zu haben schien, grüßte ich meine fünfundneunzigjährige Nachbarin im Vorbeigehen.

Omi Brenner war eine muntere, alte Dame mit sehr gepflegtem Äußeren, einem ebensolchen Inneren sowie einer Vorliebe für Kinderkriminalromane. Außerdem war sie schwerhörig. Ich mochte sie. Sehr.

„Ich gehe einkaufen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“

Mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie meine Lippen. Als lägen dort noch Wortfetzen rum.

„Ich gehe einkaufen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“, wiederholte ich daher etwas vernehmbarer.

„Guten Morgen, Fräulein Josephine.“ Frau Brenner legte einen Finger hinters Ohr und neigte den Kopf in meine Richtung.

Ich mochte, dass sie mich Fräulein nannte. Natürlich war ihr mein fortwährend wechselnder Herrenbesuch nicht entgangen. Doch solange ich keinen Ring an der rechten Hand trug, blieb ich für sie Fräulein Josephine.

„WAS HABEN SIE GESAGT?“ Ihre Worte beschallten den Hausflur wie die Durchsage eines Stadionsprechers.

„ICH GEHE EINKAUFEN. KANN ICH IHNEN ETWAS MITBRINGEN?“

In ihrem Blick lag eine Spur mütterlichen Vorwurfs. Sie berührte meinen Arm. „Liebes Fräulein Josephine“, sagte sie schließlich mit bekümmertem Blick. „Um diese Zeit schon? Das tut Ihnen nicht gut. Glauben Sie mir, Kindchen.“ 

„Äh…“

Meinen Gesichtsausdruck ganz offensichtlich missdeutend, lächelte sie nachsichtig. „Später können Sie mir aber trotzdem gerne noch ein Ständchen bringen.“

Ich benötigte nur wenige Sekunden, um zu kombinieren.

„Frau Brenner“, begann ich, „ich gehe einen saufen. Kann ich Ihnen dann etwas singen?“

„Ach“, antwortete Omi Brenner erfreut. „Das wäre nett. Mir ist die Milch ausgegangen. Wenn Sie so lieb wären, Fräulein Josephine?“

Ich nickte ihr augenzwinkernd zu und machte mich eilends auf den Weg.

Der Frankfurter Berufsverkehr brachte mich schier zur Verzweiflung. Ich drehte das Radio lauter, um das Motorgeräusch meines alten, signalroten Käfers zu übertönen. Ich liebte diese Karre, auch wenn bei jeder Tankfüllung ein, zwei graue Haare inklusive waren. Ich war froh, mir bei meinem Budget überhaupt ein Auto leisten zu können.

Ich hastete, nachdem ich einer miesepetrig dreinschauenden Mutter mit zwei plärrenden Kindern auf dem Rücksitz den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte, in den Supermarkt und studierte eilends meine Einkaufsliste.

Für heute hatte ich einen italienischen Abend geplant. Nachdem meine Wahl, etwa fünfzehn Minuten und dreiundzwanzig Flaschen Wein später, endlich auf einen süffigen Roten gefallen war, wendete ich schwungvoll meinen Einkaufswagen Richtung Pasta.

„Oh! Sorry. Tut mir leid“, entschuldigte ich mich schnell bei der erschrockenen Frau, der ich die Rollen meines Wagens in die Hacken gerammt hatte. „Frau Erdinger…“ Ich erkannte die gutaussehende Brünette Ende vierzig.

„Josephine. Hallo.“ Sie rieb sich die linke Ferse und zog ihren Schuh wieder an.

„Habe ich Ihnen wehgetan? Es tut mir wirklich sehr leid“, entschuldigte ich mich nochmals und tat besorgt.

„Nein, Josephine. Nicht der Rede wert“, winkte sie ab. „Ich habe mich nur erschrocken.“

Das habe ich auch, dachte ich.

Frau Erdinger warf einen interessierten Blick in meinen Einkaufswagen. „Sieht nach einem italienischen Abend aus?“

Ich nickte zustimmend.

„Hach“, seufzte sie. „Würde ich auch gerne mal wieder mit meinem Mann machen. Aber er hat so schrecklich viel in der Firma zu tun, wissen Sie?“

Natürlich weiß ich das.

„Überhaupt keine Zeit mehr für Privatleben. Ständig Überstunden.“ Sie blinzelte betrübt. „So ein italienisches Essen würde ihm bestimmt guttun.“

Das wird es ganz bestimmt, sprach die Stimme in meinem Kopf. Und auf den Nachtisch freut er sich ganz besonders.

„Ähm“, ich sah demonstrativ auf meine Uhr, „ich muss leider weiter. Haben Sie sich wirklich nichts getan?“

„Alles gut. Ich habe mir nichts getan. Tschüss und viel Vergnügen bei Ihrem italienischen Abend.“ Frau Erdinger winkte lächelnd ab.

Den werde ich haben, griente ich. Zugegeben, gänzlich gewissenlos.

Erst an der Kasse bemerkte ich, dass die Milch für Omi Brenner fehlte und drängte hektisch mit dem Einkaufswagen zurück.

„Verdammt! Können Sie nicht aufpassen?“, schimpfte ich, als mir zwei auffallend muskulöse Männer den Weg versperrten.

„Na, hör mal! Du bist mir gerade über den Fuß gefahren“, entgegnete einer der beiden ein.

„Dann tu ihn halt weg.“ Ich knurrte ungehalten.

„Momentchen mal.“ Er packte, nicht bedrohlich, aber dennoch mit Nachdruck, meinen Arm. „Wie wäre es mit einer Entschuldigung?“

„Wie wäre es, wenn du dir selbst einen Gefallen tätest und mich auf der Stelle loslässt?“, knurrte ich stattdessen. 

Die beiden Muskelpakete warfen sich in stummer Übereinkunft einen Blick zu und setzten dann ein dämliches Grinsen auf.

„Stark, die Kleine“, frotzelten sie.

Mit einem wütenden Ruck hatte ich meinen Arm aus dem festen Griff gelöst. „Wenigstens nicht mit anabolen Steroiden bis zum Libidoverlust vollgepumpt“, keifte ich und setzte mich wieder in Bewegung. „Und jetzt lasst mich gefälligst durch.“

„Zicke“, hörte ich sie noch sagen, als ich meinen Wagen an ihnen vorbei Richtung Milch schob und zischte ihnen ein „Aufgeblasene Möchtegern-Arnies!“ zum Abschied zu.

Gott, wie ich diese fitnessbesessenen, Energydrink trinkenden Hantelfanatiker hasste. Ich war ein absoluter Sportmuffel und überzeugt, mir das auch erlauben zu dürfen. Das Leben war Kampf genug, wie ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung wusste. Außerdem hatte die Natur es gut mit mir gemeint. Mit annähernd fünfunddreißig konnte ich mich immer noch ungeniert bauchfrei zeigen. Meine Haut war rein und ich hatte einen ebenmäßigen Teint. Auch mein glattes, hellblondes Haar kam ohne besondere Pflege aus und reichte inzwischen bis zur Hüfte. Nur mit der Sehkraft hatte es die Natur nicht ganz so gut gemeint.

Wegen meiner beharrlich fortschreitenden Kurzsichtigkeit sammelten sich, als eine meiner leider kostspieligen Leidenschaften, mittlerweile gut ein Dutzend Brillen in allen Formen und Gläserfarben auf meiner Schlafzimmerkommode. „Komm schon, Jo! Mach uns die Anastacia! Büddeee“, bettelten meine beste Freundin Brini und mein kleiner Bruder Gil immer wieder. Und sobald das Trio Infernale, wie wir in unserer Clique genannt wurden, den entsprechenden Blutalkoholspiegel aufwies, drehten wir den Lautstärkeregler des alten CD-Players nach oben und zogen eine Bühnenshow im heimischen Wohnzimmer ab. Hier kam uns Omi Brenners Schwerhörigkeit zugute. Insgeheim waren wir aber alle drei davon überzeugt, dass sie schlicht so nachsichtig war, uns den Spaß zu gönnen.

Rasch packte ich zwei Flaschen Milch in den Einkaufswagen und eilte zurück zur Kasse. Prompt stand ich hinter den beiden Anabolikern. Ich verspürte sofort das dringende Bedürfnis, ihnen meinen Wagen in die muskulösen Waden zu rammen, riss mich aber zusammen.

Der kleinere der beiden verpasste seinem Kumpel einen Seitenhieb, der mich daraufhin ein- und ziemlich aufdringlich musterte.

Ich verdrehte die Augen und zog unwillkürlich mein T-Shirt über den Bauchnabel. Dadurch blitzte allerdings ein Teil des Tattoos über meiner rechten Brust hervor.

„Hat das nicht wehgetan?“, fragte der Kleine mit Blick auf die dreidimensional gestochene Spinne.

„Was soll die blöde Frage?“ Genervt zupfte ich den Ausschnitt nach oben, was zur Folge hatte, dass mein Bauchnabel wieder sichtbar wurde.

„Na, wenn man an so empfindlichen Körperteilen gestochen wird?“

„Bescheuerter geht’s nicht, was?“ Ich lehnte mich nach vorn und flüsterte ihm ins Ohr: „Was denkst du? Wird es denn weh tun, wenn ich in deine aufgeblasenen Körperregionen pieke? Oder geht dir dann einfach nur ganz langsam die Luft aus?“

Er griente. Ich nicht.

„Würde gerne wissen, wo da noch überall Tattoos sind?“ Sein Grinsen wurde immer breiter. Und dämlicher.

„Zieh Leine, Hirni!“ Meine Hände wurden feucht. Ich hätte ihn am liebsten geohrfeigt. Bei näherer Betrachtung der Oberarme hielt ich eine verbale Auseinandersetzung allerdings für ratsamer.

„Kleine Zicke“, lachte er. „Man sieht sich.“

„Hoffentlich nicht mehr in diesem Leben“, rief ich ihnen nach, als sie endlich, immer noch lachend, im Ausgang verschwanden.

Leseprobe

Beziehungsresistente Zicke trifft auf liebenswerten Frauenhelden.

Das Manuskript aus dem Jahr 2004 wurde 2021 ohne bedeutende Änderungen überarbeitet.

Mit einer ausgeprägten Vorliebe für verheiratete, ältere Männer und einer ebensolchen Abneigung gegen feste Beziehungen, rollt die bislang mäßig erfolgreiche Kinderkrimiautorin Jo Berghammer wie eine verbale Dampfwalze durchs Leben. 

Ein heftiger Streit mit Hannes, ihrem letzten Liebhaber, und die drauf folgenden, schweren Vorwürfe seiner Tochter Diana reißen alte Wunden auf: Erinnerungen an den geliebten Vater, von der Mutter in den Selbstmord getrieben, die Nacht, in der Jo von zu Hause ausriss, die Zeit, während derer sie sich und ihren zehn Jahre jüngeren Bruder Gil allein durchbringen musste.

Gil lebt inzwischen mit Jos bester Freundin Brini und deren Tochter Yuma Wand an Wand mit ihr. Neben der jungen Familie vermag Jo nur noch Omi Brenner, Nachbarin und wichtige Kritikerin ihrer Manuskripte, ihre sensible Seite zu offenbaren. Als Omi Brenner stirbt, bemüht sie sich um deren Wohnung, muss jedoch mit Entsetzen feststellen, dass sie bereits verkauft ist.

Jo zieht gegen den neuen Nachbar, der sich schnell als Frauenheld entpuppt, in den Krieg. Dabei hat sie noch ganz andere Schlachten zu schlagen. Mit dieser hartnäckig aufdringlichen Gruppe Fitnessbesessener, zum Beispiel. Als es schließlich wiederholt zu öffentlichen Auseinander-setzungen mit Hannes‘ gehörnter Ehefrau kommt, gönnt sich Jo ein paar Tage Urlaub in den Bergen.

Ausgerechnet dort trifft sie auf die junge Clique. Und auf Nick. Zum ersten Mal empfindet Jo etwas für einen Mann, das weit über sexuelle Begierde hinausgeht. Und sträubt sich gegen das neue Gefühl.

Also schließen sie eine Wette ab. Jo wird drei Tage mit Nick unter den härtesten Bedingungen leben, die sie sich vorstellen kann: Als Paar. Es läuft zunächst gut, wenn auch chaotisch. Dann kommt es jedoch zu einem verheerenden Zwischenfall, woraufhin Jo sich maßlos betrinkt und überreagiert. 

Wird sie die Wette noch gewinnen?

ZIMTZICKE

Da suchst du ein Dokument in deinen digitalen Schubladen, stolperst über uralte Manuskripte und hältst inne. Teilweise kopfschüttelnd, teilweise augenrollend, teilweise amüsiert, teilweise berührt, liest du deine Gedanken und Gefühle aus einer Zeit, die nicht mehr deine ist.

Sprache, Ansichten und Wahrnehmungen sind völlig fremd. Und doch bist du es, der einmal diese Zeilen verfasst hat. Ein Du, das es einmal gab und wert sein muss, nicht völlig in Vergessenheit zu geraten. Denn jedes Lebensalter ist ein wichtiger Teil unseres Jetzt.

Derzeit korrigiere ich die alten Romane auf Orthografie, Interpunktion und Tippfehler, ohne ihren Ursprung zu verändern. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Es ist schön. Anstrengend, aber schön. Die Veröffentlichung wird wie ein Retweet ohne Zeichenbegrenzung sein.

Was gewesen, wird wieder sein

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